Textatelier
BLOG vom: 06.06.2012

Wie es mir gelang, wieder mit dem Rauchen anzufangen

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Antiraucher-, Antisalz- und alle anderen Antikampagnen hängen mir schon längst zum Halse heraus. Sie sind ein Teilaspekt des Versuchs, die Menschen und ihren Lebensstil unter irgendwelchen Vorwänden vollkommen unter Kontrolle zu bringen. Wenn möglich schon gleich ab dem Säuglingsalter in öffentlichen, staatlichen Abrichtungsanstalten. Zum nämlichen Bestreben gehört in der Schweiz auch die Abstimmungsvorlage vom 17.06.2012 über die gesetzliche Verankerung des US-amerikanischen Managed Care-Modells, eine „integrierten Versorgung“, welche die Katalogisierung des Gesundheits- bzw. Krankheitszustands jedes einzelnen Individuums erlaubt, nach George Orwell, 28 Jahre nach 1984.
 
Bei alledem sind merkwürdigerweise schwer schädigende Medikamente, dubiose Zusätze in Nahrungsmitteln, Zuckerbomben in Süssgetränken, Agrogifte, Hormonfleisch und sicher bald auch einmal genmanipulierte Produkte unter US-Druck sehr wohl erlaubt. Die Schweizer Mundart kennt den schönen Ausdruck „Mir genüegelets“, der bedeutet: Ich habe allmählich genug – von der Irreführung und Inkonsequenz.
 
Antikampagnen lösen bei mir gegenteilige Verhaltensweisen aus. Muss ich es mir denn bieten lassen, auf einem Kistchen mit Zigarren erster Güte „Rauchen ist tödlich“ lesen zu müssen? Ich habe in früheren Jahren gelegentlich eine Pfeife oder eine Zigarre in Musse genossen, allerdings ohne zu inhalieren, und ich hatte immer das Gefühl, das tue mir gut; Spuren von Nikotin fördern die Verdauung.
 
Wenn ich jeweils im Tabakhaus zum Adler in Aarau vorbei kam und im Schaufenster eine besonders schön geformte Stanwell-Pfeife mit langem, leicht gebogenem, kühlendem Holm oder eine prachtvoll gemaserte, fantasievolle Savinelli-Pfeife sah, widerstand ich der Verlockung nicht, freute mich über den Kauf und genoss daheim (nach der Phase des Einrauchens) den mild-aromatischen, kühlen Rauch in vollen Zügen. In meinem Sortiment sind weit über 100 Pfeifen, darunter auch Meerschaumpfeifen, Kuriositäten aus aller Welt und alles, was Rang und Namen hat. Und ich durchforschte die Welt erstklassiger, oft mehr oder weniger kunstvoll parfümierter Tabake, worunter exzellente Mischungen. Mit Zigaretten konnte ich nie etwas anfangen – Papierumwickelungen, zerhackte Billigtabake behagen mir nicht (kulturlos)  – und wer ständig inhaliert, wird zweifellos gesundheitlichen Schaden davontragen. Doch das ist jedermanns persönliche Angelegenheit. Jede Lust hat ihre Trauer, jede Freude ihren Schmerz.
 
Natürlich rauche ich im Hause nie, und auch bei der Arbeit kann ich mich zu wenig darauf konzentrieren. Bei Gartenarbeiten braucht man die Hände für andere Aufgaben als zum Nachstopfen der Pfeife – denn das Pfeifenstopfen und -rauchen ist eine Kunst, die einer grossen Sorgfalt bedarf. Der Tabak darf nicht zu trocken und nicht zu feucht sein. Ich benötige Musse, und die fehlte mir in den letzten Jahren zunehmend, so dass ich das Rauchen mehr und mehr vernachlässigt habe. Das schien mir ein schlechtes Zeichen zu sein, und ich nahm mir im vergangenen Winter fest vor, die Annehmlichkeiten des Zigarren- und Pfeifenrauchens neu zu beleben.
 
Dann kam der Frühling mit den länger werdenden Abenden, und ich plante und plane, wenn immer möglich, nach dem Abendessen im Freien eine Rauchstunde ein, manchmal in Verbindung mit einem kleinen Spaziergang, manchmal in einem bequemen Stuhl beim Lesen. Und bei besonderen Gelegenheiten stelle ich noch einen Cognac-Schwenker hinzu, weil ich finde, ein im Holzfass gereifter Cognac harmoniere aufs Schönste mit dem Tabakduft. Besonders jener aus dem Hause Pitaud mit seiner Spur von Restsüsse, die sich dem Geschmack unterordnet, hat es mir bei solchen Gelegenheiten angetan, wobei ich sozusagen zu Studienzwecken die Marken immer wieder wechsle und auch Armagnac einbeziehe. Auf diese Weise hole ich mir den siebenten Himmel auf die Erde herunter.
 
Wenn ich auf der Grundlage einer solchen Lebenshaltung mit einer infantilen Antiraucherkampagne konfrontiert werde, kann ich während des Kopfschüttelns nur lachen. Wenn man sich von Staates wegen schon verpflichtet wähnt, das Verhalten der Untertanen zu beeinflussen, dann müsste man die Menschen lehren, mit Genussmitteln stilvoll umzugehen, eine Geschmacksschulung betreiben. Dann würden sich auch Suchtpräventionskampagnen erübrigen.
 
Die Globalisierung nach US-Vorgaben bedeutet eine Banalisierung in allen Bereichen. Sie läuft auf eine Manipulation und Gleichschaltung heraus, der ich mich nicht unterwerfe, ja widersetze. Nur so kann ich mich als selbstbestimmtes Individuum akzeptieren und als vollwertiger Mensch fühlen. Deshalb imponieren mir alle Leute und auch Staaten, die ihre eigenen selbstbestimmten Wege gehen. Im Zigarren-Zusammenhang kommt mir dabei verständlicherweise Kuba in den Sinn, das seinen eigenen Weg beschritt und sich weigerte, sich den USA zu unterwerfen, deren Regimes immer wieder versuchten, Fidel Castro ermorden zu lassen, seit den 1960er-Jahren. Es wurde von der internationalen Wertegemeinschaft versucht, die schöne Insel in der Karibik auszuhungern; die Welt wurde von den USA verpflichtet, Boykottmassnahmen nachzuvollziehen. Und die edelsten aller Zigarren, die kubanischen, mussten dann halt in die USA geschmuggelt werden, wodurch dem Staat Millionen an Tabaksteuern entgingen.
 
Ich fühlte mich während einer Reise auf Kuba (1996) wohl. Auch Frauen rauchen dort Zigarren. Ich tat es ihnen gleich, und dann stimmte für uns alle alles. Die Schweizer Tabakfirma Villiger Söhne AG in Pfeffikon LU (ich bin mit dieser in keiner Weise verbunden) importiert erstklassige Tabake aus Kuba, und wie deren Zigarren Zigarillos, Brissagos schätze ich auch die Produkte aller anderen Tabakunternehmen, die Kuba unterstützen. In einem Probierkistli von Eichenberger & Cie., Menziken AG, habe ich eine Kopfzigarre „Romeo y Julieta“ gefunden, die in Havanna auf Kuba von Hand gedreht wurde und die einen durch ihr feines aromatische Aroma bezaubert. Auch die Philippinen liefern mitunter ausgezeichnete, handgemachte Zigarren. So habe ich gerade gestern ein Kistchen „La Flor de la Isabela“ geöffnet, ein Geschenk meines Bruders, auf dem die Warnung des „Secretary of Health’s“ („Cigars smoking is dangerous to health“) diskret auf der Rückseite und nicht plakativ auf der Vorderseite angebracht ist. Die Provinz Isabela liegt auf der philippinischen Hauptinsel Luzon und bringt nach meiner persönlichen Beurteilung ausgezeichnete Tabake hervor.
 
An einer grossen Auswahl an Tabaken, Zigarren und dergleichen fehlt es nicht. Und wenn man dann in einer Rauchwolke schwebt und über die amtlichen Einflüsse zur Beeinträchtigung der Lebensqualität nachdenkt, kann man das Auftreten einer Protesthaltung, ja Protestkultur nicht verhindern. Es sind Abwehrreflexe, die sich parallel zur zunehmenden Strangulierung des Freiraums der Menschen verstärken. Ich bin heute überzeugt davon, dass sich die grössten Gesundheitsschäden daraus ergeben, weil man nicht allein das Geniessen verlernt hat, sondern, wenn man es ansatzweise doch wieder versucht, ein schlechtes Gewissen empfindet, sich schuldig und schwach fühlt und in einen Zustand der Depression verfällt.
 
Ich möchte keine Todesdrohungen auf meiner Zigarrenkiste mehr lesen müssen. Es ist, als ob ein Meisterkoch beim Servieren eines feinen Menus ein Plakat zwischen den Blumenschmuck stellen müsste, auf dem steht: „Dieses Essen ist tödlich“, weil der Braten etwas stark erhitzt werden musste, das Öl dadurch litt und es im Dessertsorbet etwas Zucker hat.
 
Todesverheissungen könnte und müsste man konsequenterweise auch an Autos, Eisenbahnen und Flugzeuge kleben. Und die ohnehin überdekorierten Sportler musste man mit einem Warnband bekleben: „Sport kann zu Invalidität und Tod führen.“ Unser neben den Schuhen stehendes, gedankenlos WHO-Vorgaben vollziehendes Bundesamt für Gesundheit hat also noch Entwicklungspotenzial ...
*
Dementsprechend kann ich hier mit Stolz verkünden, dass es mir nach ersten zaghaften Versuchen gelungen ist, endlich wieder neu mit dem Rauchen anzufangen. Ich brauche zwar noch etwas Übung, um mich in dieser angenehmen, anspruchsvollen Welt aus wohlduftenden Wolken wieder zurechtzufinden und sie nach meinen anspruchsvollen Bedürfnissen masszuschneidern. Das dürfte gelingen und wird sich lohnen.
 
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